Georg Nees: Generative Computergraphik
(= Kaleidoskopien, Bd. 6)


Eine formale Beschreibung, wie sie bei Nees zu finden ist, ist auch heute noch provozierend, da sie zentrale Kompositionselemente der konkreten Kunst in einer Art aufgreift, die eine Übertragung auf den Computer nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch vorschlägt. Klassische Kunsthistoriker und Bildwissenschaftler finden hier einen vergessenen Schatz für neue Theoriebildungen im Spannungsfeld zwischen Bild und Algorithmus. Besonders hervorzuheben ist auch, dass viele Teilprogramme im Originalcode abgedruckt sind und 52 Grafiken die Resultate dieses ,ästhetischen Labors' illustrieren.
H-ARTHIST E-Mail-Liste fuer Kunstgeschichte im H-Net, 1. November 2006


Ästhetik als Programm. Max Bense / Daten und Streuungen
(= Kaleidoskopien, Bd. 5)


Mit seiner Aufteilung in die fünf Segmente Metatechnik, Informationsästhetik, Recheninstitut, Programmierung des Schönen und schließlich ComputerArt stellt der Band einen ambitionierten Versuch dar, die Stuttgarter Ereignisse einzufangen.
Bildwelten des Wissens, Bd. 5,1: Systemische Räume, September 2007


Die besten Erfindungen des Computers kamen stets über Nacht. Nachts, wenn die Rechner nicht im Dienst der Industrie tätig waren oder schnöde Zahlenkolonnen auswarfen, nutzten Pioniere die heiß begehrte und kostbare Rechenzeit (700 DM pro Stunde) und probierten, was der Maschine sonst noch zu entlocken sei. Zum Beispiel wundersame Strichmuster im Stil Mondrians oder Töne, die an eine Schönberg-Komposition erinnern. Das war in den fünfziger und sechziger Jahren, als an deutschen Hochschulen kaum zwei Dutzend Geräte standen, eines davon in Stuttgart.
Süddeutsche Zeitung, 7. Oktober 2004


„Modern ist, wer seinem Zeitalter gewachsen ist“, schrieb 1946 der Physiker und Kunsttheoretiker Max Bense. Die Schriftenreihe „Kaleidoskopien“ legt jetzt eine Retrospektive auf Benses theoretisches Werk und die Arbeiten seiner Schüler vor. Bense hat als einer der deutschen Pioniere des Computerzeitalters eine informationstheoretische Grundlegung der Ästhetik entwickelt. Denn ihm zufolge muss sich der Mensch der Technik stellen, um ‚ jene neue Stufe der abendländischen Rationalität“ zu gewinnen, von der aus man sich zu der Welt, „die zu bewohnen wir gezwungen sind“, in ein Verhältnis setzen kann.
die tageszeitung, 30. November 2004


In Stuttgart regte Max Bense vor allem junge Mathematiker und Elektrotechniker wie Rul Gunzenhäuser, Frieder Nake oder Siegfried Maser an, sich mit Computern als künstlerischen Medien zu beschäftigen – „ein von Informatikern und Ingenieuren unternommener Versuch, der kulturellen Dimension der eigenen Praxis gewahr zu werden“, wie es in „Kaleidoskopien“ heißt. Besonders Frieder Nake sollte in den 60er und 70er Jahren zu einem international ausgestellten Schöpfer von Computergrafiken werden. In der fünften Ausgabe der Schriftenreihe wird der spezifische Kontext beleuchtet, in dem in einem naturwissenschaftlich geprägten Milieu Studenten der Mathematik oder Ingenieurswissenschaftlern – Informatik gab es damals noch nicht einmal als universitäres Lehrfach! – plötzlich Künstler werden wollten.
Telepolis, 20. März 2005


Was mit der Programmierung von „Stochastischen Texten“ (Theo Lutz, 1959) begann, wurde schon bald zu Grafiken, die sich mit Piet Mondrians „Komposition mit Linien“ (A. Michael Noll, 1966) vergleichen ließen, oder zu multimedialen Kompositionen einer „Cybernetic Serendipity“ (Jasia Reichardt, 1968), einer von der gleichnamigen Ausstellung ausgehenden Kunstströmung, die sich international etablierte und über Systemgrenzen hinwegsetzte (Zagreb Manifesto, 1969). (…) Das Vorgehen der Herausgeber, in dieser Publikation einen Ausstellungskatalog, einen Tagungsband vor Ablauf der Konferenz, Wiederveröffentlichungen von schwer zugänglichen Originaltexten und Interviews mit den Hauptakteuren von damals zu vereinigen, ist unbedingt nachahmenswert.
NTM: Internationale Zeitschrift für Geschichte und Ethik der Naturwissenschaften, Technik und Medizin, Bd. 13, 2005, Heft 4


Cut & Paste um 1900. Der Zeitungsausschnitt in den Wissenschaften
(= Kaleidoskopien, Bd. 4)


Der kleine, mit viel Sorgfalt, mit Blick fürs Detail zusammengestellte Band „Cut and Paste um 1900“ widmet sich einem vermeintlich ephemeren Phänomen der jüngsten Mediengeschichte: dem Zeitungsausschnitt. Was als eher belanglose Beschäftigungsmassnahme für Kulturwissenschaftler durchgehen könnte, entpuppt sich auf den zweiten Blick als eine anregende Untersuchung der materialen Grundlagen der Kultur einer Zeit.
Neue Zürcher Zeitung, 5/6. Oktober 2002


„Ausschneiden und Kleben“ avant la lettre. Von den „papiers collés“ der französischen Kubisten über die russische Avantgarde bis zum Bauhaus: Am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts waren Zeitungen – ganz oder fragmentarisch – in der Kunst allgegenwärtig. Das alles haben die Kunst- wie die Literaturwissenschaft gut untersucht. Nur das Substrat die Materialbasis blieb unbeachtet. Der Zeitungsausschnittsammlung widmete sich die Wissenschaft bisher nicht, obwohl es wohl kaum einen Wissenschaftler gibt, der nicht selbst eine besäße.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30. Oktober 2002


Vom Hantieren mit Zeitungsausschnitten in den Wissenschaften weiß man so gut wie nichts. Dass nun gerade diesem Aspekt der Wissensreproduktion frische (und erfrischende) Aufmerksamkeit geschenkt wird, verdankt sich nicht zuletzt der Öffnung der Wissenschaftsforschung auf Medientheorie, Literatur- und Kunstgeschichte. (...) Der Band führt den visuell ansprechenden und intellektuell anregenden Nachweis, dass Zeitungsmeldungen durchs unscheinbare Ausschneiden und Einkleben zum Beginn einer gänzlich neuen, anderen Geschichte werden können. Das um 1900 entstandene „cut and paste“ hat jedenfalls seine Aktualität nicht verloren.
Süddeutsche Zeitung, 5. November 2002


Körperinformation
(= Kaleidoskopien, Bd. 3)


Guillaume-Benjamin Duchenne hatte angeregt, daß man sich seiner nicht nur als Mediziner, sondern auch als Kunstwissenschaftler erinnern sollte. Seine zwischen 1852 und 1862 entstandene fotografische Sammlung physiognomischer Studien vermachte er nicht etwa einer medizinischen Fakultät, sondern der École des Beaux Arts. Und dort wurden die Porträts der mit Elektrizität zu Staunen und Lachen, Trauer und Entsetzen verzerrten Gesichter tatsächlich als Studienmaterial benutzt. Duchennes Bilder sind jedoch alles andere als die bloße Fortsetzung einer zweihundertjährigen Ausdrucklehre seit Charles LeBrun. (…) Der Krampf, der früher den Körper unbrauchbar für jede Lektüre machte, der ihn – beispielsweise in der Verzückung – in Todesnähe rückte und damit die Physiognomik des Lebendigen überschritt, wurde dabei zur Bedingung des Medienverbundes von Elektriztät und Fotografie.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20. Dezember 2000